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„Die sollen sich doch integrieren?“ Warum Akkulturation alle betrifft – nicht nur Zugewanderte


Wenn wir über Integration sprechen, denken die meisten zunächst an die Zugewanderten: die Sprache lernen, kulturelle Normen verstehen, sich anpassen.


Doch schon ein Blick in unsere Städte und Teams zeigt: Der Graben zwischen „Einheimischen“ und Zugewanderten wird zunehmend unscharf. Kinder und sogar Enkel von Zugewanderten wachsen hier auf, gehen zur Schule, arbeiten in unseren Büros – und stossen trotzdem auf Barrieren, wenn es darum geht, wirklich dazuzugehören. Welche Rolle spielen wir selbst in diesem Prozess – bewusst oder unbewusst?


Die Forschung zeigt: Integration ist kein einseitiger Prozess. Deshalb wird in der Wissenschaft oft der Begriff Akkulturation verwendet. Er beschreibt den gegenseitigen Anpassungsprozess zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und der Gesellschaft, in der sie leben.


Während „Integration“ im Alltag häufig als Aufgabe der Zugewanderten verstanden wird, betont Akkulturation etwas anderes: Auch die Aufnahmegesellschaft – mit ihren Institutionen und sozialen Strukturen – entscheidet darüber, ob Zugehörigkeit entsteht oder nicht.


In der Praxis bedeutet das: Wie Teams, Organisationen und die Gesellschaft insgesamt auf Vielfalt reagieren – die längst Realität ist (lies dazu auch meinen Beitrag "Die Zukunft ist postmigrantisch") – beeinflusst massgeblich, ob Akkulturation gelingen kann.


Migration in der Schweiz – Zahlen und Potenzial


Migration prägt längst grosse Teile der Schweizer Gesellschaft:

  • 23 % der Bevölkerung besitzen keinen Schweizer Pass

  • 30 % der Erwerbstätigen bringen einen Migrationsvorteil in Form von internationalen Erfahrungen, Sprachen und Netzwerken mit

  • 40 % der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren hat Migrationsgeschichte

  • Fast 60 % der Kinder haben mindestens ein Elternteil, das im Ausland geboren wurde (BFS, 2024)


Der Begriff Migrationsvorteil lenkt den Blick auf die Stärken und Erfahrungen, die Zugewanderte einbringen können – wie z.B. interkulturelle Kompetenz, Sprachvielfalt oder globale Netzwerke – statt auf ein Defizit.

Wer diese Potenziale erkennt, stärkt Teams, Unternehmen und die Gesellschaft. Lies dazu auch meinen Blogbeitrag: “Kulturelle Vielfalt in der Schweiz: Ein ungenutztes Potenzial?”


Akkulturation betrifft also nicht nur einzelne Gruppen, sondern einen wachsenden Teil der Gesellschaft – und sie prägt Arbeitsplätze, Teams und Nachbarschaften gleichermassen.


Was hilft Menschen wirklich, sich zugehörig zu fühlen?


Eine internationale Metaanalyse (van de Vijver et al., 2025) mit über 570.000 Migrant*innen weltweit zeigt: Wer in einer neuen Gesellschaft erfolgreich zurechtkommt, hängt weniger von Sprachkursen oder theoretischem Wissen über die Kultur ab, sondern vor allem von sozialen Beziehungen.


Die entscheidenden Faktoren


  • Soziale Verbundenheit und Netzwerke: Freundschaften, Kolleg*innen, Mentoren oder informelle Kontakte erleichtern Orientierung, Wissen über ungeschriebene Regeln und das Einfinden in Alltag und Arbeitswelt. Wer vernetzt ist, erhält schneller Informationen, wird bei Projekten einbezogen und erlebt Zugehörigkeit.


  • Unterstützung durch Kolleg*innen und Vorgesetzte: Mentoring, Feedback und aktive Unterstützung wirken wie ein „Beschleuniger“ der Akkulturation. Studien zeigen, dass Zugewanderte mit Unterstützung weniger Stress und Unsicherheit empfinden und schneller Verantwortung übernehmen.


  • Gefühl von Zugehörigkeit, nicht isoliert oder einsam zu sein: Einsamkeit hemmt Integration, Vertrauen und soziale Partizipation.


Negativ wirken - wen wundert's - Diskriminierung, Stress und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Diese Faktoren betreffen nicht nur psychisches Wohlbefinden, sondern auch Leistungsbereitschaft, Teamkohäsion und Bindung.


Integration passiert nicht nur in Sprachkursen oder Trainings – sie entsteht im Team, beim Austausch, in Mentoring und durch gelebte Kultur.

Cultural Fluency – ein Skill für alle


Wer in dieser komplexen, vernetzten Arbeitswelt erfolgreich ist, braucht Cultural Fluency: die Fähigkeit, sicher und effektiv in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu agieren, ungeschriebene Regeln zu erkennen und Beziehungen aufzubauen.


Dieser Skill ist für alle Mitarbeitenden relevant – nicht nur für Zugewanderte – und fördert Kommunikation, Zusammenarbeit und Konfliktlösung über kulturelle Grenzen hinweg.


Für Unternehmen bedeutet das: Wer Mitarbeitende gezielt unterstützt und Cultural Fluency stärkt, steigert Motivation, Leistung und Bindung – und nutzt aktiv die Potenziale des Migrationsvorteils.


Einsamkeit ist mehr als ein persönliches Problem


Die Universität Lausanne untersuchte 1.360 Erwachsene in der Schweiz und fand: 38 % fühlen sich einsam, davon sind Menschen mit Migrationserfahrung besonders stark betroffen.

Einsamkeit wirkt sich auf Wohlbefinden, Arbeitszufriedenheit, Teamdynamik und Engagement aus.


Unternehmen und Teams, die gezielt soziale Vernetzung, Austausch und Unterstützung fördern, verwandeln Isolation in Zugehörigkeit und steigern ihre Wettbewerbsfähigkeit. Denn: gut vernetzte Teams sind leistungsfähiger, kreativer und widerstandsfähiger.

Wenn wir bewusst Begegnungen ermöglichen, soziale Netze stärken und Austausch fördern, wird Isolation zu Zugehörigkeit. Wer ist bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen – in Teams, im Job, in Nachbarschaften?



Expats in der Schweiz: „sicher, komfortabel – aber einsam“


Internationale Umfragen zeigen, dass soziale Integration in der Schweiz nicht einfach ist.

Die Expat Insider Survey von InterNations (2025), eine der grössten Befragungen von im Ausland lebenden Fachkräften (über 12.000 Teilnehmende weltweit), zeichnet ein ambivalentes Bild:


  • Schweiz Rang 29 von 46 Ländern insgesamt

  • 62 % berichten, dass es schwierig ist, lokale Freundschaften zu schliessen

  • 54 % haben hauptsächlich Kontakte zu anderen Expats

  • Weniger als die Hälfte fühlt sich von der lokalen Bevölkerung wirklich willkommen

“Expats in Switzerland enjoy high salaries and excellent quality of life, but many say it is difficult to connect with locals and build a social life.”— InterNations, Expat Insider Survey, 2025

Swissinfo fasst es treffend zusammen: Viele internationale Fachkräfte erleben ihr Leben in der Schweiz als „safe, comfortable – and lonely“.

Ähnliche Ergebnisse zeigen auch wissenschaftliche Studien: Die wirtschaftliche Integration gelingt in der Schweiz oft gut, die soziale Integration ist jedoch deutlich schwieriger.


Vielleicht liegt die Antwort in den unsichtbaren Regeln, die wir in Teams, Nachbarschaften und Organisationen aufstellen. Welche Regeln fördern Teilhabe – und welche schränken ein?


Die unsichtbaren Regeln der Zugehörigkeit


Zugehörigkeit entsteht nicht nur durch persönliche Kontakte – sie wird auch durch unsichtbare gesellschaftliche Erwartungen geprägt.


Der Sozialwissenschaftler Chan-Hoong Leong (2014) beschreibt dieses Phänomen mit dem Konzept der „Social Markers“: informelle Kriterien, die darüber entscheiden, ob Menschen als Teil einer Gruppe akzeptiert werden.


Typische Marker in der Schweiz


  • Sprache (oft Schwiizerdütsch für Alltag und informelle Kommunikation)

  • Verhalten nach sozialen Normen

  • Zugang zu sozialen Netzwerken

  • Identifikation mit der Gruppe


Je mehr Marker es gibt – und je schwieriger sie zu erfüllen sind – desto exklusiver wird Zugehörigkeit definiert.

Wer nicht alle Marker erfüllt, hat es oft schwerer, wirklich dazuzugehören, trotz fachlicher oder persönlicher Qualifikation.


Frage an uns alle:

  • Welche Marker existieren in unseren Teams oder Organisationen?

  • Welche sozialen Marker sind essentiell für Zusammenarbeit?

  • Wie können wir diese sichtbar und lesbar machen für neue Mitglieder?

  • Welche sind nice-to-have, aber nicht essentiell?

  • Wie können Menschen, die nicht alle Marker erfüllen, trotzdem vollwertig dazugehören?


Diskriminierung wirkt langfristig


Eine Schweizer Studie (Wanner & Pecoraro, 2023) zeigt: Mehr als die Hälfte der Zugewanderten erlebt Diskriminierung, was sich direkt auf Gesundheit, Motivation und Integration auswirkt – am Arbeitsplatz, in Vereinen, Nachbarschaften und Behörden.


Integration ist kein individuelles Projekt – sie braucht Strukturen, Haltung und soziale Beziehungen.


Handlungsempfehlungen für Alltag und Arbeitswelt


  • Mentoring & Buddy-Systeme einführen – nicht nur für neue Mitarbeitende, sondern auch für Nachbarschaften oder Vereinsstrukturen

  • Soziale Netzwerke fördern – Teams, Freizeitaktivitäten, lokale Gruppen

  • Führungskräfte sensibilisieren – Unterstützung bewusst geben, Barrieren abbauen

  • Transparenz bei Erwartungen schaffen – Social Marker sichtbar machen, Feedback geben

  • Strukturelle Rahmenbedingungen prüfen – Einbürgerung, Weiterbildung, Arbeitsmarktzugang, Partizipation im öffentlichen Leben


Akkulturation funktioniert dort, wo diverse Menschen und Talente zusammenarbeiten, sich vernetzen und voneinander lernen.

Fazit


Integration ist keine Aufgabe, die wir anderen überlassen können. Akkulturation passiert dort, wo wir gemeinsam Räume für Teilhabe und Vertrauen schaffen – im Job, in Vereinen, in Nachbarschaften und im Alltag.


Wir alle können dazu beitragen, dass Menschen ihr Potenzial entfalten: Indem wir Kolleg:innen und Nachbar:innen unterstützen, Begegnungen ermöglichen, Mentoring anbieten und uns bewusst machen, welche unsichtbaren Regeln Zugehörigkeit erschweren oder erleichtern.


Wenn wir aktiv daran arbeiten, Inklusion zu leben, werden Teams leistungsfähiger, Ideen vielfältiger und unsere Gesellschaft stärker. Akkulturation ist kein Prozess, der „Zugewanderten“ überlassen wird – sie ist eine Chance, die wir alle gemeinsam gestalten können.


Quellen


Bierwiaczonek, K., Vu, D. H., Tong, R. et al. (2025).A Meta-Analysis of Social and Contextual Correlates of Migrant Adaptation to Living in Receiving Societies.Nature Communications, 16, 11231.https://www.nature.com/articles/s41467-025-67468-z 


Leong, C.-H. (2014).Social markers of acculturation: A new research framework on intercultural adaptation. International Journal of Intercultural Relations.https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0147176713000886


Wanner, P., & Pecoraro, M. (2023).Self-reported health among migrants: Does contextual discrimination matter?Journal of Migration and Health. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S266662352300048X



InterNations (2025).Expat Insider Survey – Switzerland.Large global survey of over 12,000 expatriates in more than 50 countries, analysing quality of life, social integration and work conditions.https://www.internations.org/expat-insider/2025/switzerland-2025 


Swissinfo (2024).Switzerland falls behind in attractiveness for expats.https://www.swissinfo.ch/eng/life-aging/switzerland-falls-behind-in-attractiveness-for-expats/82568790 


NCCR – on the move / University of Neuchâtel.Migration-Mobility Survey.Large-scale study on migrants living in Switzerland (over 6,000 participants) examining integration, mobility and social participation.https://nccr-onthemove.ch/knowledge-transfer/migration-mobility-survey/


Bundesamt für Statistik (BFS) (2024).Bevölkerung mit Migrationshintergrund in der Schweiz. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/migration-integration.gnpdetail.2025-0401.html

 
 
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